Interview mit Präventiv-Medizinerin Dr. Angelika Hartmann zur Paleo Ernährung

Die Expertin für präventivmedizinische Untersuchungs- und Behandlungsmethoden, Frau Dr. Angelika Hartmann, stand uns Rede und Antwort zu immer wieder aufkommenden Fragen bezüglich der Paleo Ernährung. Neben Ihrer Praxistätigkeit als Internistin, Rheumatologin und Sportmedizinerin ist Frau Dr. Hartmann auch Buchautorin („Potenzial Mann“, 2007 und  „Für Männer“, 2009, 2011), Referentin auf diversen Kongressen sowie Ausbilderin für Aerobic- und Fitness-Trainer.

Dr. Angelika Hartmann

Dr. Angelika Hartmann

1. Frau Dr. Hartmann, Sie als Ernährungsexpertin, wie stehen Sie zur Paleo Ernährung?

Nachdem wir uns in unserer Genetik gegenüber den Steinzeitmenschen kaum verändert haben, halte ich eine Paleo Ernährungsweise für die meisten Menschen für sinnvoll. Nach meiner Erfahrung gibt es unterschiedliche Stoffwechseltypen: Diejenigen, die ich als Eiweißtypen bezeichne, profitieren von der Paleo Ernährungsweise mehr als diejenigen, die ich dem Kohlenhydrattyp zuordne. Der Eiweißtyp besitzt die wohl „steinzeitlichste“ Genetik und eine besonders schlechte Zuckertoleranz. Er entwickelt bei unserer üblichen Zivilisationsernährung mit hoher Wahrscheinlichkeit ein sogenanntes metabolisches Syndrom, welches man auch als tödliches Quartett bezeichnet, weil es das Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall massiv erhöht.

2. Was unterscheidet Paleo von anderen Konzepten wie Low-Carb, LOGI und Co.?

Den genannten Ernährungsformen und der Paleo Ernährung gemeinsam ist das Prinzip der Reduzierung der schädlichen Insulinspiegel. Im Gegensatz zur Paleo Ernährung lassen die von Ihnen zitierten Konzepte wie Low-Carb und LOGI jedoch komplexe Kohlenhydrate aus dem Vollkorn-Getreidebereich und Milchprodukte zu. Diese Nahrungsmittel entsprechen, da in der Steinzeit weder Ackerbau noch Viehzucht betrieben worden ist, nicht der Paleo Ernährung. Aus meiner Erfahrung sind es genau diese beiden Lebensmittelgruppen, die am häufigsten nicht vertragen werden, ohne dass es die Patienten merken. Denn im Gegensatz zu einer Allergie, die man wegen ihres sofortigen Auftretens nicht übersehen kann, zeigen sich Unverträglichkeiten mit unspezifischen Symptomen erst 2-3 Tage nach dem Konsum. Sie sind eine der sicher unterschätzten Faktoren bei der Entwicklung eines Burnout-Syndroms. Vereinfacht gesprochen, führt der Körper permanent Krieg gegen Nahrungsmittel und fährt seine Stresshormonachse hoch. Diese Unverträglichkeiten lassen sich durch (schulmedizinisch noch nicht anerkannte) Lebensmittel-Unverträglichkeits-Bluttests diagnostizieren.

3. Welche Krankheitsbilder kann man mit der Paleo Ernährungsweise bekämpfen?

Bei den meisten zivilisationsbedingten Krankheiten spielt eine Stoffwechselentgleisung mit hohen Insulinspiegeln, Insulinresistenz und Entzündungsparametern eine wesentliche Rolle. Dazu gehören Übergewicht, Diabetes mellitus Typ 2 (Alterszucker), viele Formen des Bluthochdrucks und sogar Arthrosen. Die genannten Krankheitsbilder würden deshalb wohl von der Paleo Ernährung profitieren, dies muss jedoch vom behandelnden Arzt individuell abgeklärt und betreut werden.

Auch  beim Kolon irritabile (Reizdarm) könnte ich mir eine gute Wirksamkeit vorstellen, da die Paleoernährung für eine gesündere Darmflora sorgt. Die Glutensensitivität scheint eine Erkrankung zu sein, die enorm an Bedeutung zunimmt. Da die Paleo Ernährung den Konsum von Getreide und glutenhaltigen Speisen ausschließt, profitieren glutensensitive Patienten besonders davon. Naturheilkundlich versierte Experten meinen, dass Gluten Toxine (Giftstoffe) bindet und diese Gluten-Toxinkomplexe an den Hormonrezeptoren andocken und als sogenannte Hormonmimics die Wirkung der körpereigenen Hormone blockieren. Denn Hormone entfalten nur in einem Art Schlüssel-Schloss-Prinzip ihre Wirkung.

Demnach wäre Gluten für jeden Menschen ungünstig, aber besonders mit zunehmendem Alter zu meiden, da wir hier einen wesentlichen Hormonabfall in individuell unterschiedlichem Ausmaß erleben. Interessanter Weise gibt es eine biophysikalische Messmethode, die „VitalfeldDiagnostik“ mit welcher solche Hormonmimics gemessen werden können (näheres dazu unter www.ah-praeventionsmedizin.de). Auch auf das Burnout-Syndrom wirkt sich nach meiner Erfahrung eine Umstellung auf eine Paleo Ernährungsform positiv aus, denn die Stress-Hormon-Achse (Hypothalamus-Hypophyse-Nebennierenrinden) ist bei diesem Krankheitsbild durch Jahre- oder Jahrzehntelange Überforderung erschöpft. Die Paleo Ernährung verhindert, dass unser Stresshormon Cortisol wegen einer Blutzucker-Achterbahnfahrt oder wegen unverträglicher Nahrungsmittel ausgeschüttet werden muss.

4. Welche Vorteile bietet die Paleo Ernährung für gesunde Menschen?

Als Präventivmedizinerin sehe ich, wie viele Krankheiten durch eine rechtzeitige Lebensstilveränderung verhindert oder sehr lange hinausgeschoben werden können. Wie schon bei Frage 1 erwähnt, gibt es diverse u.a. laborchemische Möglichkeiten, rechtzeitig zu erkennen, wer von einer Paleo Ernährung besonders profitieren würde. Denn auch bei Gesunden kann man die genetische Neigung zu z.B. einem metabolischen Syndrom sehr frühzeitig diagnostizieren. Wer die Paleo Ernährungsform als Gesunder ausprobiert, wird auf jeden Fall sehr unmittelbar und schnell den Energie und Stimmungslage steigernden Effekt bemerken.

5. Wie viel Obst sollte man in der Paleo Ernährung zu sich nehmen?

Die meisten Obstsorten enthalten mehr oder weniger viel Fructose. Diese wird zwar Insulin unabhängig verstoffwechselt und wurde deshalb Jahrzehnte lang als Zuckerersatz für Diabetiker verwendet. Sie verursacht aber eine Fettleber, eine Insulinresistenz und einen Abfall der Wachstumshormonproduktion, sprich, sie macht dick und fördert die Diabetesentstehung. Deshalb empfehle ich vielen Patienten, den Obstkonsum einzuschränken und Obst nur nach dem Konsum von Eiweiß und Fett zuzuführen. Beeren scheinen noch am günstigsten zu sein, sie enthalten auch besonders wertvolle Polyphenole.

6. Wie viel Fett & Protein sollte man täglich konsumieren?

Beim Fettkonsum müssen wir zwischen gesättigten und einfach bzw. mehrfach ungesättigten sowie Omega 3 und Omega 6 Fettsäuren unterscheiden. Hier bedarf es einer individuellen Beratung und einiger Labortests, u.a. empfehle ich die Bestimmung des Omega-3-Index und die Messung des Fettsäureprofils. Pauschale Aussagen erscheinen mir unsinnig. Das Gleiche gilt für die Empfehlung der Proteinzufuhr. Hier muss vor allem das körperliche Aktivitätsniveau und Trainingsziele berücksichtigt werden. Aus meiner Erfahrung wird aber prinzipiell zu wenig wertvolles Fett (Omega 3 Fettsäuren und einfach ungesättigte Fettsäuren) zugeführt und zu viele gesättigte Fettsäuren und künstlich gehärtete Fette.

Gerade bei gesundheitsbewussten Frauen, aber auch bei sog. Junk Food-Konsumenten sehe ich anhand der Ernährungsprotokolle eine viel zu geringe Zufuhr von Proteinen, die weit unter dem für mich sinnvollen Minimum von ca. 1,5 Gramm pro Kilogramm Körpergewicht für gesunde Menschen liegt. Auch ältere Menschen verlieren oft überproportional viel Muskulatur wegen eines Defizits an Nahrungs-Protein durch eine immer schlechtere Aufnahmekapazität des Darms.

7. Welche Nahrungsergänzungsmittel empfehlen Sie zusätzlich einzunehmen?

Auch diese Frage lässt sich nur nach ausführlicher Anamnese und Durchführung sehr spezifischer Labortests beantworten. Kritisch und oft substitutionsbedürftig könnten bei der Paleo Ernährungsweise sein: Omega 3 Fettsäuren bei Menschen, die nicht gerne Fisch konsumieren, B-Vitamine und Folsäure, Co-Enzym Q10, Vitamin D, Zink, Selen und bei Menschen mit entsprechender Genetik auch Alpha-Liponsäure und Acetyl-Cystein, aus denen intrazelluläres Glutathion hergestellt wird, eines der wichtigsten Entgiftungs-Moleküle. Auch und gerade bei der Nahrungsergänzung gilt, dass ein Zuviel genauso schädlich wirkt wie ein Mangel. Unsere Ernährung spielt nach meinen Vitalstoffmessungen zu meinem Erstaunen wohl keine so große Rolle im Vergleich zur Genetik. Denn auch bei sehr ausgewogen ernährten Menschen finden sich immer wieder überraschende Defizite bei einzelnen Vitalstoffen.

8. Wie wichtig ist ein regelmäßiger Blut- & Urintest im Allgemeinen und während der Paleo Ernährung?

Aus meiner Erfahrung unabdingbar, siehe auch die Vor- und Folgefragen.

9. Was sind Ihrer Meinung nach die größten Herausforderungen bei der Umstellung der Ernährungsweise?

Nach meiner Erfahrung besteht bei vielen Patienten eine ausgesprochene Abhängigkeit von Zucker (auch als Carbohydrate Craving-Syndrome bekannt), so dass die Paleo Ernährung eine Art Entzug bedeutet. Hier liegt oft ein Mangel an Serotonin vor (messbar im 2.Morgenurin), den man durch die Gabe von 5-Hydroxy-Tryptophan in Verbindung mit B-Vitaminen ausgleichen kann. Die Beschaffung und Zubereitung der Paleo-Nahrungsmittel ist in unserer Fast-Food-Gesellschaft trotz eines Überflusses an Nahrungsmitteln vor allem auf Reisen nicht ganz einfach.

10. Für wen ist die Paleo Ernährungsweise ungeeignet?

Für Menschen mit Niereninsuffizienz und bei einigen anderen Krankheitsbildern kann die Paleo-Ernährung potenziell gefährlich sein. Auch bei Kindern wäre ich sehr zurückhaltend. Wie schon erwähnt, halte ich vor der Umstellung auf eine Paleo Ernährung einen umfassenden ärztlichen Check-Up von einem mit der Paleo Ernährung-vertrauten Arzt für unabdingbar.

11. Welche weiteren Aspekte der Paleo Sichtweise neben der Ernährung halten Sie für sinnvoll?

Das Paleo Ernährungskonzept beinhaltet einen körperlich aktiven Lebensstil, den ich für mindestens so wichtig halte wie die Ernährungsform.

Vielen Dank Frau Dr. Angelika Hartmann für dieses interessante Interview!

Foto: Privat

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Geschrieben von Nico

Nico hat sich mit Paleo360 den Traum erfüllt, seine Leidenschaft zum Beruf zu machen. In seinem Alltag dreht sich sehr viel um Gesundheit und Fitness. Und da er auch ein Genießer ist, darf das Kochen natürlich nicht zu kurz kommen. Wenn die Möglichkeit besteht, verbringt er viel Zeit beim Wandern und Bergsteigen in den nahegelegenen Alpen. Nico auf Google+
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7 Kommentare

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  1. Heidrun //

    Ich finde bei einem gereizten Darm hilft auch schon die ganz natürliche Sitzhaltung auf der Toilette, so dass einer optimalen Darmentleerung nichts im Wege steht. Ich praktiziere den Paleo Lifestyle in einigen Bereichen des Alltages, – wieso also nicht auch für die regelmäßige Darmentleerung? In der Hocke bin ich einfach in der idealen Sitzhaltung. Einen entsprechenden Toilettenhockers vors Sitzklo schieben und einfach den Enddarm schonend im korrekten Winkel leeren. Mein Darm macht seither einen sehr zufriedenen Eindruck und ich bin absolut angetan von der Hocke :).

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    • Anja Wagner //

      Hallo Heidrun – genau, denke auch dass der Squat bzw. die Hocke in vielen Lebenslagen unterschätzt wird ;) Eine Geburt läuft ja auch in der Hocke am natürlichsten ab, so weit ich weiß.

      LG, Anja

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  2. li //

    Selten soviel unwissenschaftlichen Murks in so wenig Zeilen gelesen. Doktortitel bitte aberkennen!

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  3. Michael //

    Hi,

    wieso ist eigentlich immer wieder die Rede von „Nahrungsergänzungsmittel“ in Bezug zu Paleo! Das ganze soll doch „Steinzeit“ sein und da passt das doch überhaupt nicht. So Gesund kann es wohl nicht sein, wenn „Nahrungsergänzungsmittel“ benötigt werden oder verstehe ich da was total falsch?

    Ich denke eher, dass die Dosis das Gift macht und auf Zucker, Getreide (vorallem Weizen) und industriel verarbeiteter Produkte weitestgehend verzichtet werden sollte und der Rest ausgewogen konsumiert werden muss!

    Viele Grüße
    Michael

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    • Malika Stenger //

      Hallo Michael,
      danke für dein Feedback!
      wir sind der Überzeugung, dass man in durch die Paleo-Ernährung alle wichtigen Nährstoffe und Vitamine in ausreichenden Mengen aufnimmt und somit keine Nahrungsergänzungsmittel notwendig sind. Im Zweifelsfall sollte aber immer Rücksprache mit einem Arzt gehalten werden, da jeder Körper anders auf die Ernährungsumstellung reagiert und es in Einzelfällen zu Mangelerscheinungen aufgrund von Stoffwechselstörungen kommen kann.

      LG Malika

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  4. HollandRoad //

    Zu Frage 5 (bzgl Obstmenge): der Vollständigkeit halber sollte unbedingt hinzugefügt werden, dass Fruktose im Obst wegen deren Ballaststoffgehalts weitaus weniger bedenklich ist, da Ballaststoffe die Absorption z.T. hemmen/verlangsamen. In Studien (u.a. Dr. David Ludwig, Obesity Preventation Center at Boston Children’s Hospital) konnten bei erhöhtem Obstkonsum keine negative Auswirkungen nachgewiesen warden, dafür ein gesenktes Risiko für H-K-Erkrankungen/Diabetes 2 usw. (metabolisches Syndrom). Siehe auch Dr. Lustig, der erläutert das auch genauer..
    Was man meiden sollte sind Säfte/Smoothies, wo die Ballaststoffe entzogen bzw. zerstört wurden und die Fruktose einen komplett anderen Effekt auf den Organismus hat (Leberverfettung/met. Syndrom usw., wie Frau Hartman richtig erläutert hat).
    Es macht einen Risenunterschied, ob man Fruktose „isoliert“ konsumiert, oder in einer Frucht zusammen mit deren anderen Bestandteilen.

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