Interview mit Spiraldynamik-Dozent Dr. phil. Jens Wippert zur Evolutionssichtweise der menschlichen Bewegung

Wir haben uns mit dem Bewegungs-Experten und Psychologen Dr. phil. Jens Wippert darüber unterhalten, welche negativen Folgen unser Lebenswandel für unseren Körper hat und was wir dagegen tun können. Dr. phil. Jens Wippert ist Spiraldynamik®-Dozent, promovierter Sportpsychologe und Physiotherapeut. Er ist Mitbegründer der integrativen Therapieeinrichtung elementhera in München.

Jens Wippert elementhera Spiraldynamik

Spiraldynamik®-Dozent Dr. Jens Wippert

Hallo Jens! Wer bist du und was machst du?

Hey! Ich arbeite als Physiotherapeut in München und als Spiraldynamik®-Dozent in ganz Deutschland. Wir Spiraldynamik®-Therapeuten behandeln Menschen mit funktionellen Problemen des Bewegungsapparates, Themen wie Knick-Senk-Spreizfüße oder Hüftarthrose oder auch Bandscheibenvorfälle. Die Ausbildung richtet sich vor allem an medizinische Berufe, aber auch Laien können die Kurse ohne Vorwissen besuchen.

Was ist die Spiraldynamik® und was hat sie mit der Paleo- & Evolutionssichtweise zu tun?

Die Spiraldynamik® ist ein dreidimensionales Bewegungskonzept, das wie eine Art Gebrauchsanweisung für den ganzen Körper angesehen werden kann. Menschliche Bewegung ist nicht nur Beugen und Strecken eines einzelnen Gelenks oder die Arbeit eines einzelnen Muskels. Es ist das  Zusammenspiel aller Elemente, um eine Funktion bestmöglich – also physiologisch optimal – auszuführen.

Wie ist menschliche Bewegung entstanden?

Es wäre vermessen, hier ein evolutionsbiologisches Statement abzugeben. Aber man weiß, dass das Leben vom Wasser auf das Land kam, erst die Pflanzen und dann die Tiere. Diese mussten sich dann mit den neuen Bedingungen auseinandersetzen, Atmung, Optik und natürlich die Fortbewegung waren die Hauptthemen. Aus den Flossen wurden Vorderbeine, die den Körper nach vorne gezogen haben und Hinterbeine, die den Körper nach vorne geschoben haben Als es dann von vier auf zwei Beine ging, musste eine neue Organisationsform für die Stabilisierung im Stand und in der Fortbewegung gefunden werden. Die spiralige Verschraubung war hier die Lösung der Wahl: sie stabilisiert, dynamisiert, läßt uns effizient arbeiten und ermöglichte die Entwicklung der Leichtbauweise unseres Körpers.

Welche Bewegungen wurden die letzen Jahrmillionen hauptsächlich ausgeführt?

Das Leben des frühen Menschen vor ca. 6  Millionen Jahren bestand hauptsächlich aus Jagen, Fischen und Sammeln. Dafür musste er zum Teil große Strecken zurücklegen. Laufen bzw. Rennen war die bevorzugte Art und Weise sich fortzubewegen. Der Körper des Menschen ist optimiert für ca. 35 Kilometer Laufen pro Tag! Das ist fast ein ganzer Marathon täglich.

Das heißt unsere Körper sind gar nicht für die heutigen Belastungen konstruiert?

Vor ca. 6000 Jahren wurde der Mensch sesshaft, hat mit der Domestizierung der Tiere begonnen und angefangen, Pflanzen zu kultivieren und Felder zu bestellen. Vor rund 60 Jahren wurde er „sesselhaft“, musste sich immer weniger selbst bewegen, sondern wurde bewegt. Die Industrialisierung und die Erfindung der Dampfmaschine und moderner Fortbewegungsmittel haben dazu beigetragen. Der Faktor Zeit – um von A nach B zu kommen – hat sehr an Bedeutung zugenommen. Niemand hat mehr Zeit, um Distanzen zu Fuß zu überwinden.

Aus dem Bewegungsapparat wurde ein Sitzapparat. Das ist, wie wenn ein optimierter Sportwagen für einen Wohnungsumzug genutzt wird: das kann man mal machen, es funktioniert aber nicht wirklich gut und ist wenig effektiv. Wird dieses Verhalten bzw. Benutzung zur Regel, geht die Struktur durch die Fehlbelastung über die Zeit kaputt. Genauso ergeht es unserem Körper: dauerhafte Fehlbenutzung führt zu Fehlbelastungen und schädigt Gelenke, Muskeln und andere Strukturen. Ein weiterer Faktor neben der Falsch-Benutzung ist die Nicht-Benutzung. Wird der Körper gleich gar nicht mehr benutzt (Untersuchungen sprechen in der Schweiz von Tagesgesamtgehstrecken von durchschnittlich 900 Metern!), atrophieren die Strukturen, der Körper baut sie einfach ab. Dann stehen sie natürlich auch nicht mehr im Alltag wirklich zur Verfügung.

Was sind die typischen Probleme, die durch den Lebenswandel auftreten?

Eine simple Regel dafür besteht nicht. Doch lassen sich bestimmte Häufigkeiten erkennen. Man spricht von 70 –  80% der Bevölkerung, die Fußprobleme haben, ebenso viele haben in Ihrem Leben Rückenschmerzen. Die Anzahl der gelenksersetzenden Operationen hat sich in den letzten 10 Jahren verdoppelt. Mitverursacht durch die Veränderung in den Bewegungsgewohnheiten. Probleme mit den Füßen können wiederum zu Knieproblemen, Hüftproblemen und Bandscheibenproblemen führen. Alles hängt zusammen. Auch das ständige Sitzen und der Versuch, es durch Sport (mit untrainierten Muskeln) wieder wett zu machen, führt oft zu Verletzungen.

Wie kann man diesen am besten entgegenwirken?

Eine Möglichkeit wäre, wieder zurück zu unserer früheren Lebensweise zu finden. Das geht nicht vollumfänglich, doch kann man vieles anders machen: Gehen statt Busfahren, Treppe statt Rolltreppe oder Fahrstuhl, bewegt Stehen statt Sitzen. Allgemein gesprochen: die Bewegungszeiten ausdehnen. In jedem noch so strukturierten Alltag finden sich dafür Möglichkeiten.

Das Sitzen läßt sich trotzdem bei den meisten nicht ganz vermeiden. Dann gilt: Richtig sitzen! Ein guter Stuhl unterstützt, doch entscheidend ist das Sitzverhalten des Menschen. Sitzen mit aufgerichteter Wirbelsäule, großer Bewegungsfreiheit und variabler Sitzposition sind gute Voraussetzungen. Je unbequemer oder beweglicher der Stuhl, desto mehr Dynamik entsteht im Sitzen. Die notwendigen Utensilien auf dem Schreibtisch möglichst breitflächig verteilen hilft ebenfalls, den Bewegungsradius zu vergrößern.

Generell gilt: Mehr Bewegung ist besser, ABER: auch die Qualität der Bewegung muss hochwertig sein. Den ganzen Tag im Büro oder im Auto zu sitzen und dann stundenlang im Studio Gewichte zu bewegen, ist nicht die allerbeste Lösung. Erlernen physiologische richtiger Bewegung für Alltag und Sport sind ein kleiner aber wichtiger Baustein. Um auf das Beispiel mit dem Sportwagen zurückzukommen: Benutzt man diese ausgetüftelte Maschine ohne Wissen und Verstand, arbeitet sie ineffektiv und nimmt schnell Schaden. Auch mit dem Wissen um richtige Bewegung, gibt es Sportarten mit vorteilhafterer Natur: Funktionelles Training wie z.B Crossfit schlägt stupides Gerätekrafttraining, komplexe Bewegungssportarten schlagen repetitive einseitige Sportarten.

Laut Spiraldynamik® hängt alles zusammen, welche Rolle Spielen die Füße?

Die Füße stellen die Verbindung zum Boden dar, mit Ihnen verankern wir uns auf der Erde. Sie geben den Impuls für die Aufrichtung, werden aber auch durch die Positionierung und Bewegung der Wirbelsäule und des Hüftgelenks stark beeinflusst. Ihre ursprüngliche Aufgabe ist die stabile Verbindung zum unebenen Untergrund herzustellen, um im Gehen oder Laufen das gesamte Körpergewicht koordiniert nach vorne über das Hüftgelenk bewegen zu können. Diese Funktion müssen sie bei ebenen Unterlagen und Böden sowie einengendem und mit fester Sohle versehenem Schuhwerk nicht mehr erfüllen. Was nicht geübt wird, geht verloren. Die meisten Füße wären heute nicht mehr geeignet, barfuß längere Strecken zu gehen. Aber was tun, wenn man in der Zivilisation lebt? Es bestehen mehrere Möglichkeiten: Wo es möglich ist, kann man auf unebener Fläche ohne Schuhe oder mit Zehenschuhen (Barfußschuhe, Five Fingers) gehen. Zu Hause oder auf der Straße macht das keinen Sinn. Dafür sind Schuhe, die eine unebene Unterlage „vortäuschen“ oder generieren (z. B. Nike free) geeigneter. Bei bereits bestehenden Problemen oder präventiv stellt ein Fußtraining eine ebenfalls sinnvolle Ergänzung dar. Wie gehört, entstehen Fußprobleme aber nicht in den Füßen alleine, eine Koordinationsschulung des gesamten Bewegungsapparates gehört definitiv dazu. Das Bewegungskonzept der Spiraldynamik® kann das leisten.

Wie kann man die angesprochen Probleme am Besten therapieren?

Mit gezielten Übungen zum Aufbau des Längs- und Quergewölbes können viele der bekannten Fußthemen angegangen werden. Mit etwas Übung lässt sich das Wissen um die physiologische Bewegung schnell in einen individuellen Alltag integrieren. Und genau das ist das Ziel: nicht nur Übungen machen, sondern das Bewegungswissen alltäglich sinnvoll einsetzen. Das heißt z.B., dass ich das aufgebaute Längsgewölbe eben aktiv beim Warten an der Kasse oder an der Bushaltestelle einsetze oder beim Laufen den Abdruck über das aktive Quergewölbe mache. Genauso bedeutet es aber, dass ich mich im Sitzen nicht auf den High-Tech-Stuhl verlasse, sondern bewusst die entspannt Aufrichtung der gesamten Wirbelsäule beibehalte und mich aktiv verschraubend in der Brustwirbelsäule drehe, wenn ich das Telefon aufnehme.

Medizinische Einlagen für Schuhe lassen sich nicht generell bewerten, der Kontext ist wichtig. So kann eine klassische stützende Einlage sinnvoll sein, wenn es benötigt wird. Eine sensomotorische Einlage kann wiederum die beste Lösung darstellen, wenn es um Aktivierung von Muskulatur zur Gesamtaufrichtung geht. Generell lässt sich nur sagen, dass jede Art von Einlage am Ende eine Krücke darstellt. Und wer will schon mit Krücken rumlaufen? Sie stellen ein Hilfsmittel dar, das es gilt mit aktiven Übungen wieder loszuwerden.

Jens, vielen Dank für das Gespräch!

Weiterführende Hinweise:

http://www.elementhera.de/

www.spiraldynamik.com

Fußübungsprogramm: http://www.my-medibook.de/fuer-patienten.html

Facebook http://www.facebook.com/physiotherapie.schmerztherapie.muenchen

Foto: Privat

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Geschrieben von Nico

Nico hat sich mit Paleo360 den Traum erfüllt, seine Leidenschaft zum Beruf zu machen. In seinem Alltag dreht sich sehr viel um Gesundheit und Fitness. Und da er auch ein Genießer ist, darf das Kochen natürlich nicht zu kurz kommen. Wenn die Möglichkeit besteht, verbringt er viel Zeit beim Wandern und Bergsteigen in den nahegelegenen Alpen. Nico auf Google+
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